Gustav Adolf Schur – ein ostdeutsches SportidolWarum "Täve" zu den prominentesten Sportlern der DDR zählte
Gustav Adolf Schur, genannt Täve, begeisterte nicht nur ostdeutsche Sportfans mit enormen Leistungen. Dauerhaften Ruhm brachte ihm jedoch eine scheinbare Niederlage ein.
Er ist ein sportliches Phänomen. Obwohl seine Erfolge Jahrzehnte zurück liegen, haben ihn die Fans nicht vergessen. Noch als 70-Jähriger absolvierte er drei Mal wöchentlich einen Lauf über fünf Kilometer. Er weckte Sympathien mit volksnahen und manchmal auch selbstironischen Kommentaren wie: „Ich war der Beste, wenn die Anderen nicht da waren!“ (1) Bei ehemaligen DDR-Bürgern genießt er beinahe schon Kultstatus. Sogar ein Planetoid wurde nach ihm benannt. Sein Name: Gustav Adolf Schur, genannt Täve. Täve Schur: Ein außergewöhnlicher RadrennfahrerDie Bezeichnung „Täve“ ist eigentlich nur eine Abkürzung des Namens Gustav, wie sie in der Magdeburger Gegend verwendet wird. Dort, genauer gesagt im Örtchen Heyrothsberge, wurde Gustav Adolf Schur am 23. Februar 1931 geboren. Er absolvierte zunächst eine Lehre zum Maschinenmechaniker, qualifizierte sich später jedoch zum Diplom-Sportlehrer. Geradezu märchenhaft liest sich die Liste seiner sportlichen Erfolge: Zweimaliger Einzelsieger sowie neun Etappensiege bei der „Friedensfahrt“, (damals ein mehrwöchiges Radrennen über die Gebiete der DDR, Polens und der CSSR), zwei Weltmeistertitel in der Amateurwertung, jeweils einmal Gold und Bronze beim olympischen Mannschaftsfahren sowie die achtfache Einzelmeisterschaft beim DDR-Straßenrennen. Insgesamt neun mal wurde Täve Schur zudem zum „DDR-Sportler des Jahres“ gewählt. Als seinen schönsten Erfolg sieht das Radsport-Ass (und mit ihm viele Fans) jedoch eine scheinbare Niederlage an. Als zweimaliger Titelverteidiger verzichtete Täve Schur 1960 bei der Straßen-WM auf eine realistische Siegeschance zugunsten seines Mannschaftskameraden Bernhard Eckstein. Das legendäre Sachsenring-RennenDie Straßen-WM 1960 wurde in der DDR ausgetragen. Der Amateur-Wettbewerb der Einzelfahrer fand auf dem Sachsenring bei Zwickau statt. Titelverteidiger Täve Schur galt als Favorit. Gegen Ende des Rennens stellte sich die Situation folgendermaßen dar: Täve Schur führte das Hauptfeld an, vor welchem sich noch eine kleine Spitzengruppe mit Schurs Teamkollege Eckstein befand. Aus jener Gruppe löste sich der Belgier Willy Vandenberghen und unternahm erfolgreich einen Ausreißversuch. Zeitgleich war es Täve Schur gelungen, die Spitzengruppe zu erreichen. Gemeinsam mit Bernhard Eckstein holte der Titelverteidiger anschließend Willy Vandenberghen wieder ein. Aus dieser nun führenden Dreiergruppe musste beinahe zwangsläufig der Sieger kommen, denn mittlerweile fuhr man die letzte der 20 Runden über jeweils 8,7 Kilometer. Eckstein setzte sich an die Spitze des Trios und erkämpfte einen Vorsprung. Was nun folgte, war reine Taktik. Vandenberghen vermutete einen Bluff. Er glaubte, dass Eckstein lediglich als Helfer für Täve Schur fungierte und nahm daher die Verfolgung nicht auf, sondern hielt sich dicht hinter dem offiziellen Favoriten. Der Titelverteidiger nutzte dies, fuhr bewusst langsamer und bremste den Belgier dadurch aus. Auf diese Weise konnte Eckstein ungefährdet als Sieger das Ziel erreichen. Willy Vandenberghen bemerkte die raffinierte Taktik zu spät und konnte seinen Fehler nicht mehr korrigieren. Täve Schur hatte somit sicher gestellt, dass der Sieg auf jeden Fall an ein Mitglied seiner Mannschaft ging. Hätten jeder der drei Fahrer für sich allein gekämpft, wäre das Ergebnis hingegen völlig offen gewesen. Mit einem erfolgreichen Endspurt auf Platz zwei bewies Täve Schur schließlich eindrucksvoll, dass ihm der Sieg durchaus möglich gewesen wäre. Gustav Adolf Schur: Aktiv bis ins hohe AlterDieser taktisch-selbstlose Geniestreich des Spitzensportlers zementierte seinen Ruhm weit über die aktive Laufbahn hinaus, fand allerdings auch Einzug in die DDR-Propaganda vom überlegenen Sportsgeist des Sozialismus. Täve Schur beendete 1964 seine aktive Laufbahn, arbeitete fortan als Trainer und war bis zum Ende der DDR Vizevorsitzender des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) im Bezirk Magdeburg. Auch politisch meldete sich der Sportsmann zu Wort. Er gehörte von 1958 bis 1990 der DDR-Volkskammer an. Seiner ideologischen Überzeugung blieb Gustav Adolf Schur über die Wendezeit hinaus treu. Als Mitglied der PDS saß er von 1998 bis 2002 im Bundestag und war dort sportpolitischer Sprecher der Fraktion. Sein Anliegen galt vor allem der Förderung des Breitensports. Aus diesem Grund engagierte sich Täve Schur nach der Wende für die Fortsetzung der Friedensfahrten, welche in den letzten Jahren allerdings aufgrund organisatorischer und finanzieller Probleme mehrfach ausfallen mussten. Auch jetzt, im Alter, will sich das Sportidol nicht wirklich zur Ruhe setzen. Seine dauerhafte Popularität kommentierte Täve einst so: „Ich werde mich nie zurückziehen. Sportler sind Vorbilder. Unsere Erfahrungen sollen wir weiter vermitteln. Insofern bin ich nie privat.“ (1) (1) Interview des Autors mit Täve Schur am 12. April 2001
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